Sonntag, 26. Februar 2017

Auf der Welt wimmelt es: Alles ist möglich. - John Cage

Nicht oft kaufe ich mir ein soeben erst erschienenes Buch. Das muß schon ein von mir besonders geschätzter Autor sein und ein besonders interessantes Thema noch dazu. Im Fall von Paul Auster erschien mir das Warten auf die billigere Taschenbuchausgabe definitiv zu lang...

Der Leser taucht in die Geschichte von Archie Ferguson ein, in die Welt der dritten Generation jüdischer Einwanderer in Amerika. Und Auster erzählt von dieser Welt nicht einmal, sondern gleich viermal: Die vier Versionen des Archie Ferguson, nicht linear, sondern parallel erzählt. Jedes Kapitel beinhaltet vier Unterkapitel, den jeweils vier verschiedenen Lebensgeschichten gewidmet.
Allein die Geschichte seiner Vorfahren ist die gemeinsame Konstante. Ausgehend davon enwickelt der Autor vier verschiedene Lebensentwürfe - den äußeren Umständen, aber auch den persönlichen Entscheidungen und nicht zuletzt den von uns nicht beeinflußbaren Zufällen und Unvorhersehbarkeiten geschuldet, diesem uns allen bekannten "General Purer Zufall, dem Kommandeur der Urnen, Särge und sämtlicher Friedhöfe". 
Wir lesen nicht nur vier Geschichten, eng verstrickt mit den historischen Ereignissen der 50er und 60er Jahre, sondern begleiten den äußerst begabten Protagonisten in seiner menschlichen und intellektuellen Reifung - mit unzähligen  Einblicken in Film, Kunst, Literatur und vor allem in das Handwerk des Schriftstellers, denn darin ähneln sich alle vier: in ihrer Liebe zur Literatur und zum Schreiben. 
Die einzelnen Erzählstränge hätten jeweils ein eigenes Buch ergeben können, und ein ungeduldiger Leser könnte getrost auf die Idee kommen, einfach linear zu lesen, indem er sich durch die Kapitel vorblättert. Aber Auster gelingt hier ein meisterhafter Kunstgriff:  Er läßt die vier Erzählstränge in der Romanstruktur parallel ablaufen, verwebt sie aber durch dieselbe Ausgangssituation, denselben Protagonisten in vier Versionen, mit denselben Nebenfiguren und ihre in jeder Geschichte jeweils unterschiedlichen Beziehungen zu ihm. Genau in diesem Spannungsfeld entlädt sich die Eigenheit dieses atemlosen Romans, was dem Leser viel Aufmerksamkeit abverlangt.
Salopp ausgedrückt bekommt man mit diesem Buch vier großartige Prosastücke  zum Preis von einem. Daß man dafür ganze 1200 Seiten im wahrsten Sinne des Wortes "stemmen" muß, sei nur nebenbei bemerkt  und ist bei so einer Thematik und so einem Autor tatsächlich leicht zu verschmerzen  😏.

Ein Leben in vier Versionen erzählen, die zur "Parabel über das menschliche Schicksal und die sich endlos gabelnden Wege" werden. Und so hat der Protagonist das Gefühl, dass "die Gabelungen und Parallelen der eingeschlagenen und nicht eingeschlagenen Wege allesamt zur selben Zeit von denselben Menschen begangen wurden, den sichtbaren und den Schattenmenschen, dass die Welt, wie sie war, allenfalls ein Bruchteil der Welt sein konnte, da das Wirkliche auch aus dem bestand, was sich hätte ereignen können, aber nicht ereignet hatte, und dass ein Weg nicht besser oder schlechter war als ein anderer."

Wer von uns hat sich nicht schon einmal die Frage nach dem "Was wäre gewesen wenn" gestellt? Auster ist diesem Gedanken in seinem Buch nachgegangen, hat daraus vier Versionen eines einzigen Lebens gemacht -  und einen einfach grandiosen Roman geschrieben!
4321 wurde von der Literaturkritik  als "opus magnum" des mittlerweile 70jährigen Autors gepriesen - dem ist nichts hinzuzufügen.
(Dennoch hat so ein Superlativ auch etwas Endgültiges - und ich will nicht hoffen, daß dieses Buch das letzte gute war, das wir von Auster zu lesen bekommen!)