Montag, 17. Juli 2017

Wenn ich wüßte, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten. - Pablo Picasso

Einige Zeit seit meinem Besuch im Museum Zeitgenössischer Kunst in Athen (EMST) und im Benaki-Museum mit der aktuellen documenta-Ausstellung ist vergangen. Die documenta14 in Athen hat nun ihre Pforten geschlossen. Vieles wurde und wird noch über dieses Projekt geschrieben, von griechischer und deutscher Seite. Künstler, Betrachter, Kunstexperten ... sie alle haben ihre Meinung zu diesem "Event" -  und das ist auch gut so.
In all diesem Wust von Meinungen und Einschätzungen bin ich als Betrachter auf mich selbst gestellt, ich kann mich nur auf das konzentrieren, was Kunstbetrachtung für jeden Einzelnen von uns ausmachen sollte. Denn Kunst war und ist für den Betrachter eine weitgehend persönliche Angelegenheit. Vor allem in der zeitgenössischen Kunst beginnen wir oft mit der Frage "Und DAS soll jetzt Kunst sein!?", nur um dann manchmal trotzalledem festzustellen, daß uns dieses Kunstwerk "irgendwie" anspricht, auch wenn wir es nicht verstehen oder einordnen können.
Und ich frage mich: Was ist so schlimm daran? Gibt es denn heute so etwas wie einen allgemeingültigen Kunstkanon? Sind nicht auch die künstlerischen Medien im Laufe des vergangenen Jahrhunderts so vielfältig geworden, daß man sie kaum mehr in einen allumfassenden Kanon vereinen können?

Jede Kunst muss der absolut subjektiven Rezeption und Wertung ausgesetzt bleiben. Nicht umsonst haben sich die heutige Kunstbetrachtung und -Theorie den Betrachter als Ausgangspunkt auserkoren oder wie es Wolfgang Kemp in seinem wunderbaren Buch "Der Betrachter ist im Bild" ausdrückt:

Das Sujet der Werke ist das Subjekt, 
ist die Formung unserer Identität über Prozesse der Wahrnehmung und Identifikation. 

Die Rolle des Betrachters ist übrigens seit den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts mehr und mehr thematisiert worden - sozusagen auf die Spitze getrieben dann von Marina Abramovic mit ihrer Performance "The artist is present" im New Yorker MoMa im Jahre 2010 (theartistispresent), wo Künstler und Betrachter selbst Gegenstand der Kunst wurden.

Sprechen wir über Kunst, bleibt am Ende nur ein Gedanke: Kunst, egal welcher Epoche, soll vor allem berühren, ansonsten hat sie keinen Sinn. Zuerst ist bei Jedem nur ein Gefühl da - und es ist absolut subjektiv und eben deshalb auch nicht diskutierbar (nichts Unfruchtbareres als eine "gepflegte" Diskussion über Kunst unter Freunden 😊😊😊).

Diskutierbar wird Kunst wohl erst auf wissenschaftlicher Ebene - was uns als unbedarfte Betrachter aber zunächst einmal nicht zu interessieren hat. Nicht jedes Kunstwerk muss Jedem von uns etwas "sagen". Und ist dies nicht das Schöne an der Kunst: Sie kann in ihrer unendlichen Vielfalt viele Menschen ansprechen und ebenso viele nicht. Und dies verbindet die bildenden Künste auch mit der Literatur. Man kann Bücher diskutieren, man kann Texte unendlich analysieren,  aber man kann kein Buch lieben, nur weil es laut literarischem Kanon "bedeutend" ist (siehe z.B. die endlose Diskussion in literarischen Zirkeln über Joyce und seinen Ulysses 😉 ).

Man muss also unterscheiden zwischen der individuellen Rezeption von Kunstwerken und der wissenschaftlichen Betrachtung. Man sollte als Betrachter deshalb auch den Mut zur sogenannten "Lücke" haben. So wie man sich ein Buch aussucht, trifft man auch in einem Museum seine ganz persönliche Auswahl... was kann es Schöneres geben!?

Und beim Nachdenken über den Sinn und Unsinn von Kunst oder auch Literatur erscheint mir doch die Musik als bestes Beispiel für die richtige Kunstbetrachtung: Wer würde sich beim Anhören eines Musikstückes die Frage stellen, ob es dem allgemeingültigen "Kanon" oder auch nur Geschmack entspricht?

Und so wie ich mit Picasso begonnen habe, möchte ich auch diese heutigen Gedanken mit ihm schließen:

Jeder möchte die Kunst verstehen. Warum versucht man nicht, 
die Lieder eines Vogels zu verstehen? Warum liebt man 
die Nacht, die Blumen, alles um uns herum, ohne es durchaus 
verstehen zu wollen? Aber wenn es um ein Bild geht, 
denken die Leute, sie müssen es "verstehen" . 




P.S.  Ein überaus spannender Ansatz zur allgemeinen
Kunstbetrachtung und Kunstinterpretation ist Susan Sontags Aufsatz: "Gegen Interpretation" aus dem Jahre 1965 (erschienen u.a. in der Essaysammlung "Kunst und Antikunst, München 1980)