Dienstag, 29. August 2017

Wenn Gott die Vorhaut nicht gewollt hätte, hätte er sie gleich weggelassen - Adriana Altaras

Nach diesen Augusttagen kann ich auf einen Stapel von Büchern zurückblicken, die mich durch diesen ruhigen Monat begleitet haben. Viel Lesenswertes war dabei und über das eine oder andere Buch hätte ich hier sicher schreiben sollen, war aber selbst dazu zu faul in meiner selbstauferlegten "Abkehr" von dieser Welt 😏 .


Image result for adriana altaras titos brilleEin Buch möchte ich dennoch hier in aller Kürze erwähnen, weil es mich überrascht hat:
Image result for adriana altarasDie jüdische Kroatin Adriana Altaras erzählt von ihrer Kindheit, ihrer "strapaziösen Familie", ihrem Leben im heutigen Deutschland. Altaras ist mir ein Begriff aus dem Fernsehen, ich habe sie schon öfter in Talkshows gesehen. Ich fand sie immer sehr sympathisch.

Zunächst jedoch versprach ich mir nicht sehr viel von der Lektüre;  allerhand Schauspieler und Prominente schreiben ja so vor sich hin, oftmals nicht das Papier wert, auf das gedruckt wird.
Ich fand das Buch zufällig und kann mich auch nicht mehr erinnern, wie es seinen Weg zu mir gefunden hat (vielleicht hat es mir gar eine Freundin geliehen? Sie darf sich gern melden, sollte sie diese Besprechung hier lesen!) ...

Schon im Prolog stellt Altaras lakonisch fest:" Ich bin Jüdin, Jahrgang 1960. So jetzt ist es heraus. Ich wurde in Titos Jugoslawien geboren."

Von da an entspinnt sich ihre Familiengeschichte. Die Eltern, die noch rechtzeitig aus Jugoslawien fliehen konnten, die exzentrische Tante, die nach dem Internierungslager in Jugoslawien nach Italien geschmuggelt wird, der Vater, der in Gießen eine beachtliche Karriere als Arzt macht, sich nebenbei auch außerehelich rege betätigt, die Mutter, die ihre Erfüllung in der Erforschung der Geschichte der Juden in Hessen findet, und schließlich sie selbst, die sowohl in Italien als auch Deutschland aufwächst und in Berlin ihre persönliche und berufliche Heimat finden wird.

Bis dahin eine Geschichte, die nicht außergewöhnlich erscheint angesichts zahlreicher jüdischer Nachkommen, die ihre Familiengeschichten von Tod, Internierung, Flucht und Exil literarisch verarbeitet haben. Altaras jedoch macht dies mit dem so typischen jüdischen Humor und einem beeindruckenden Lakonismus. Ihre Sprache ist eingängig, erfrischend weit davon entfernt, sich anlässlich des Themas in literarische "Höhen" aufzuschwingen. Nein, da erzählt eine Frau mit viel Ehrlichkeit, Einfühlungsvermögen, Witz und Selbstironie von den Ihren und dem "Erbe" der Exilanten, mit dem sie (auch ganz praktisch nach dem Tode der Eltern) versucht klarzukommen:

"Im Exil ist Todesschwäche absolut verboten. Im Exil ist alles schrecklich weit, 
weit weg und vorbei. Das Exil ist schon ein sehr besonderer Ort. Weder mein Vater 
noch meine Mutter und schon gar nicht ich waren freiwillig aufgebrochen. Aber wir 
konnten und wollten inzwischen nicht mehr zurück. Also musste man sich arrangieren - 
mit der Sprache, den Gerüchen, dem Essen.(...) Diejenigen, die zu Hause in der Heimat 
geblieben waren, lebten ein Stück weit unser altes Leben für uns mit. Das, was wir getan hätten, 
was wir geworden wären, was wir gegessen hätten, wenn.... Und wenn sie jetzt starben, starb 
ein Teil von uns, von unserem fast gelebten Leben. Ein Teil, den wir schon so lange begraben 
hatten, denn Heimweh ist im Exil verboten, es macht schwach und krank".


Ein Buch, das nachdenklich, aber auch Mut macht. Ich mußte bei manchen Textstellen - wie der obigen - unwillkürlich auch an das heutige Flüchtlingsdrama denken. Wie erlebt zum Beispiel ein Kind eine solche "Verpflanzung", wie gelingt es, seine Wurzeln nicht zu verlieren auf dem Wege in die totale Integration, die von der neuen Heimat eingefordert wird? Zurückbleiben werden wohl immer solche Menschen wie Adriana Altaras, die irgendwie versuchen, ihren Platz zu finden ohne sich und ihre Vergangenheit aufzugeben. In manchem hat mich das Buch in seinem Duktus übrigens stark an die Romane der New Yorker Jüdin Lilly Brett erinnert...

Eine trotz des Themas sehr kurzweilige und dennoch tiefer gehende Lektüre. Ich kann das Buch nur empfehlen.