Samstag, 27. Januar 2018

Ich will bis zum letzten Augenblick weiter beobachten, notieren, studieren. Angst hilft nichts, und alles ist Schicksal. - Victor Klemperer

Und so ganz nebenbei auch mal wieder eine Buchempfehlung... rechtzeitig zum heutigen Gedenktag an die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 ....


Victor Klemperer, an dessen Büchern man als Romanistik-Studentin nicht vorbeikam, beschreibt in seinen Tagebüchern das Leben als Jude in Dresden zwischen 1933 und 1945. 

Die Eintragungen bringen dem Leser auf erschreckende Weise das alltägliche Leben der jüdischen Mitbürger im Dritten Reich nahe. Und erst in all diesen täglichen vermeintlichen Kleinigkeiten wird uns das Ausmaß dieser unbeschreiblichen Entmenschlichung durch das Nazi-Regime bewußt. Ich will das Buch nicht weiter kommentieren. Lesenswert, gerade in diesen unseren so bedenklichen Zeiten. Ein kleiner Textausschnitt mag genügen: 


"2. Juni 1942 : 
Was ist in diesen letzten Jahren alles an Großem und Kleinem zusammengekommen! Und der kleine Nadelstich ist manchmal quälender als der Keulenschlag. Ich stelle mal die Verordnungen zusammen:

1. Nach acht oder neun Uhr abends zu Hause sein. Kontrolle!
2. Aus dem eigenen Haus vertrieben.
3. Radioverbot, Telefonverbot.
4. Theater-, Kino-, Konzert-, Museumsverbot.
5. Verbot, Zeitschriften zu abonnieren oder zu kaufen.
6. Verbot zu fahren (dreiphasig): a) Autobusse verboten, nur Vorderperron der Tram erlaubt, b) alles Fahren verboten, außer zur Arbeit, c) auch zur Arbeit zu Fuß, sofern man nicht 7 km entfernt wohnt oder krank ist (aber um ein Krankheitsattest wird schwer gekämpft). Natürlich auch Verbot der Autodroschke.
7. Verbot, „Mangelware“ zu kaufen.
8. Verbot, Zigarren zu kaufen oder irgendwelche Rauchstoffe.
9. Verbot, Blumen zu kaufen.
10. Entziehung der Milchkarte.
11. Verbot, zum Barbier zu gehen.
12. Jede Art Handwerker nur nach Antrag bei der Gemeinde bestellbar.
13. Zwangsablieferung von Schreibmaschinen.
14. von Pelzen und Wolldecken.
15. von Fahrrädern – zur Arbeit darf geradelt werden (Sonntagsausflug und Besuch zu Rad verboten).
16. von Liegestühlen,
17. von Hunden und Katzen, Vögeln.
18. Verbot, die Bannmeile Dresdens zu verlassen,
19. den Bahnhof zu betreten,
20. das Ministeriumsufer, die Parks zu betreten,
21. die Bürgerwiese und die Randstraßen des Großen Gartens zu benutzen. Auch das Betreten der Markthallen seit vorgestern verboten.
22. Seit dem 19. September der Judenstern.
23. Verbot, Vorräte an Eßwaren im Hause zu haben (Gestapo nimmt auch mit, was auf Marken gekauft ist.)
24. Verbot der Leihbibliotheken.
25. Durch den Stern sind uns alle Restaurants verschlossen. Und in den Restaurants bekommt man immer noch etwas zu essen, irgendeinen „Stamm“, wenn man zu Haus gar nichts mehr hat. (…)
26. Keine Kleiderkarte.
27. Keine Fischkarte.
28. Keine Sonderzuteilung wie Kaffee, Schokolade, Obst, Kondensmilch.
29. Die Sondersteuern.
30. Die ständig verengte Freigrenze. Meine zuerst 600, dann 320, jetzt 185 Mark.
31. Einkaufsbeschränkung auf eine Stunde (drei bis vier, Sonnabend zwölf bis eins).

Ich glaube, diese 31 Punkte sind alles. Sie sind aber alle zusammen gar nichts gegen die ständige Gefahr der Haussuchung, der Mißhandlung, des Gefängnisses, Konzentrationslagers und gewaltsamen Todes. ---- "



P.S. Nicht zu vergessen sein grandioses Buch LTI 
https://de.wikipedia.org/wiki/LTI_%E2%80%93_Notizbuch_eines_Philologen