Samstag, 23. März 2019

Allen Veränderungen, selbst jenen, die wir ersehnt haben, haftet etwas Melancholisches an; denn wir lassen einen Teil von uns selbst zurück. - Anatole France



Lebensräume im Wandel

Athen. Die letzten Jahre versunken in der wirtschaftlichen Krise, befindet sich diese Stadt nun schon seit geraumer Zeit in einer ständigen und sehr wechselhaften Phase der Erneuerung.

 Wenn man nicht direkt im Athener Zentrum wohnt, sondern in weiter entfernten Stadtteilen und dort seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt hat, sind diese Wandlungen nicht ständig erspürbar, aber umso mehr sichtbar, wenn man eben nur sporadisch ins Stadtzentrum kommt.

Dann geht man staunend durch die Straßen des Zentrums, wundert sich über all das Neue - und vor allem über all das verschwundene Alte!
Da kann es schon passieren, daß man auf einmal den Laden nicht mehr vorfindet, in dem man seit über 20 Jahren Stoffe für die Werkstatt eingekauft hat, weil aus ihm ein Cafe geworden ist. Und der große Papierladen, in dem man oft Materialien für die Werkstatt eingekauft hat, ist plötzlich zu einer Taverne mutiert... Aber auch Positives geschieht: Eine enge Straße, durch die sich einst der Verkehr gequält hat, ist plötzlich eine kleine Fußgängerzone geworden.


So ergeht es mir in den letzten paar Jahren ständig. Ehemals (vor der Krise) quirlige Einkaufsstraßen sind verwaist. Noch immer schließen viele Läden, nicht nur, weil die Krise ihre Opfer gefordert hat (und weiter fordert), sondern auch, weil das neue verbreitete politische Wunsch-Credo „es geht wieder aufwärts“ die Mieten im Zentrum wieder ansteigen lässt; damit muss aber so manch kleiner Unternehmer, der die Krise mit Hängen und Würgen bisher durchgehalten hatte, jetzt doch noch die Flinte ins Korn werfen.

  
Als ich vor bald 25 Jahren nach Athen zog, war die Stadt so ganz anders als all die anderen Großstädte, die ich bisher gesehen hatte. Hier war eine Kraft, eine Lebendigkeit zu spüren, wie ich sie aus deutschen Großstädten nicht kannte. Zudem wirkte Athen damals fast noch etwas „orientalisch“ auf mich. All die alten Läden, die Märkte, die Straßen, die - mittelalterlichen Zünften gleich - in bestimmte Warenangebote „aufgeteilt“ waren. Man wusste genau: In dieser Straße befinden sich die Materialien für die Ledermanufakturen, für die Olivenölherstellung, für die Buchbindereien, für die Nähereien; in jener Straße finde ich all die Werkzeughändler, Haushaltswaren-  oder Gewürzhändler...
Klägliche Reste dieses so mitreißenden, lebendigen Athener Geschäftslebens existieren stellenweise auch heute noch - aber wie lange noch angesichts dieses rasanten Wechsels? Wann werden auch diese „letzten Mohikaner“ definitiv verschwunden sein?


Heute sieht und spürt man, dass die jüngere Generation das Zepter übernimmt – was keine schlechte Sache ist!  Neue Ideen und Konzepte müssen her. So gut, so richtig, so witzig, so innovativ, so auf- und anregend die Verjüngung dieser Stadt ist, so traurig bin ich aber gleichzeitig über all das Verlorengehende.
Und am traurigsten ist für mich diese Entwicklung, wenn ich sehe, was aus den ehemals so urigen und typisch griechischen Geschäften geworden ist: Viele Läden wurden von internationalen Ketten oder chinesischen Billighändlern übernommen, denn nur noch sie können die teilweise horrenden Mieten bezahlen.


Darüberhinaus wird das Athener Zentrum in letzter Zeit mmer mehr von Gastronomiebetrieben überschwemmt. Es gibt ganze Straßenzüge voller Cafes, Tavernen und voller „Streetfood“, wie das heute genannt wird.


Kulinarisch kommt der Athen-Besucher auf jeden Fall auf seine Kosten. Die Grundidee auch dahinter: Das Zentrum vor allem für den Kurzzeitbesucher attraktiver zu machen. Kein Tourist soll sich Sorgen machen, nach einem anstrengenden Akropolis-Besuch vor Hunger umzufallen. Das musste er früher natürlich auch nicht, aber heute heißt es: Was darf es denn sein bitte? Typisch griechische Souvlaki? Vegetarisches oder gar Veganes? Oder Meeresfrüchte in kleinen Portionen, serviert in den neuerdings so angesagten Papiertüten „on the go“?


Die Stadt gibt sich redlich Mühe – und das ist auch gut so. Sie will endlich im 21. Jahrhundert ankommen! Es gibt viele interessante Initiativen zur Verschönerung der Athener Innenstadt. Mit Recht braucht Athen diese längst überfällige Erneuerung, besteht Griechenland doch nicht nur aus Inseln, die nur im Sommer Saison haben. Athen muss tatsächlich attraktiver werden für den ganzjährigen Städtetourismus. Es ist erfreulich, wenn die junge Generation nun ihre Ideen einbringt, es ist richtig und wünschenswert – vor allem in einer Stadt, in einem Land, das nun schon viel zu lange zum absolut bedeutungslosen Armenhaus Europas deklariert wurde (und immer noch wird!).

Dennoch bleibt für viele von uns, die schon lange (oder schon immer) hier leben, eine gewisse Wehmut zurück. Wenn ich nachrechne, habe ich in dieser Stadt mittlerweile länger gelebt als sonst irgendwo in meinem bisherigen Leben. Und so bleibt unweigerlich eine ganz persönliche Frage bestehen: Warum muss das Alte dem Neuen denn unweigerlich weichen? Warum kann das Neue nicht neben und dem Alten entstehen, wie zum Beispiel in einer Wohnung, in der modernes Mobiliar sehr gut mit alten Stücken harmonieren kann? Warum muss es unweigerlich ein Entweder-Oder sein? Bewahren und Erneuern – muss dies denn unbedingt ein Widerspruch sein? Natürlich kann - wenn es denn gut läuft - ein Gastronomiebetrieb eine höhere Miete bezahlen als ein einfaches Ladengeschäft. Da kommt dann der schnöde Mammon mit ins Spiel. Aber ich als Bewohner dieser Stadt trauere trotzdem, wenn von z.B. zehn Stoffgeschäften in einer Straße nur noch vier übrig geblieben sind und sich nun ein Cafe ans andere reiht; oder wenn meine Papierhandlung schon längst in die Athener Peripherie ausgewandert ist und für mich nun schlecht zu erreichen ist. Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen. So mutiert ein Stadtzentrum langsam nur noch zur "Bekleidungs- und Gastronomiemeile". Die einstige Vielfalt geht unweigerlich verloren.

Neue Konzepte sind gefragt, schrieb ich oben - aber meiner Meinung nach Konzepte, die integrieren, nicht ausschließen. Warum soll das nicht mehr möglich sein, sei es auch nur, um auch den Bedürfnissen der ständigen Bewohner einer Stadt Rechnung zu tragen und nicht nur jenen des Kurzzeitbesuchers! (Ein Problem, das heute auch andere Großstädte haben!)

Noch steht die schöne, betagte Akropolis – und fügt sich harmonisch in das Neue ein, das seit mehr als 2000 Jahren um sie herum „passiert“ … Mögen sich doch all diese „genialen“ Städteplaner auch darüber mal ihre Gedanken machen!



Aber vielleicht hat ja auch der eingangs erwähnte Anatole France recht, und all diese meine Gedanken sind schlichtweg der Sentimentalität eines typischen „middle agers“ geschuldet. Könnte auch sein…😊😊😊

(Photos: u.a. © Athinorama, Trip Advisor, The pressroom.gr. , Why Athens)




Freitag, 15. März 2019

Nach ewig langer Zeit mal wieder ein Lebenszeichen von mir in meinem Blog, der sträflich vernachlässigt den heutigen Zeiten von Facebook wohl langsam zum Opfer fallen wird.... Dennoch mal wieder auch hier eine Lektüreempfehlung, die mir am Herzen liegt:

Der Schriftsteller Sebastian Lukasser wird von einem alten Freund seiner Familie gebeten, ihn noch einmal kurz vor seinem Tode in Innsbruck zu besuchen. Das Anliegen des über 90jährigen, im Sterben liegenden Carl Jacob Cadoris: Lukasser soll seine Lebensgeschichte, die er ihm in den folgenden Tagen erzählen will, niederschreiben.
Die Lebensgeschichte des Mathematikprofessors Cadoris bleibt immer eng verwoben mit Lukassers eigener Familiengeschichte, war Cadoris doch ein lebenslanger Gönner des Vaters des Chronisten,, Georg Lukasser, einem begnadeten Gitarristen, der es sich einst zur Aufgabe gemacht hatte, „den Jazz nach Wien zu holen“...
In Rückblenden umreißt der Roman die Geschichte des letzten Jahrhunderts, ein Unterfangen, das notwendigerweise eine Auswahl bedingt. In diesem Buch ist es ein Themenkatalog, der unterschiedlicher nicht sein könnte: Der Leser taucht ein in die Geschichte des Jazz, erfährt Erstaunliches über Mathematik ( Jazzfreunde und Mathematiker werden ihre Freude an diesem Buch haben), die Schauplätze wechseln zwischen Europa und Amerika. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts wird exemplarisch ausgebreitet in den persönlichen Verstrickungen der Protagonisten z.B. mit der deutschen Kolonialgeschichte, mit dem Bau der Atombombe, Russland unter Stalin, der RAF, um nur einige wenige Momente zu nennen. Interessant dabei fand ich, dass es einmal nicht vorrangig um die beiden Weltkriege geht, was man erwarten könnte bei dieser historischen Verankerung des Buches.Der Leser ermüdet nicht, weil die Geschichte der Familien Cadoris und Lukasser nicht linear erzählt wird, sondern immer wieder von der Gegenwart in dem Haus hoch über Innsbruck unterbrochen wird. Und so gesellt sich zur Vergangenheit immer wieder die Gegenwart, die von Leid und Sterben, aber auch neuen Aufbrüchen für den Chronisten erzählt. Im Wechsel der Geschichten, auch in der Spiegelung durch Lukasser selbst und wie er das eine oder andere Erinnerte aus seiner Perspektive als Kind und junger Erwachsener wahrgenommen hatte, macht dann noch einen zusätzlichen Reiz aus. Und so manchmal stellen Chronist und mit ihm der Leser fest: Oft ist nichts so, wie es uns einstmals erschien… Ein vielschichtiges Buch also, das niemals langweilig wird, weil wir in den Rückblenden vor allem Einblicke bekommen in die Brüche und überraschenden Wendungen eines so langen Lebens. Ich kann die Lektüre sehr empfehlen.