Freitag, 15. März 2019

Nach ewig langer Zeit mal wieder ein Lebenszeichen von mir in meinem Blog, der sträflich vernachlässigt den heutigen Zeiten von Facebook wohl langsam zum Opfer fallen wird.... Dennoch mal wieder auch hier eine Lektüreempfehlung, die mir am Herzen liegt:

Der Schriftsteller Sebastian Lukasser wird von einem alten Freund seiner Familie gebeten, ihn noch einmal kurz vor seinem Tode in Innsbruck zu besuchen. Das Anliegen des über 90jährigen, im Sterben liegenden Carl Jacob Cadoris: Lukasser soll seine Lebensgeschichte, die er ihm in den folgenden Tagen erzählen will, niederschreiben.
Die Lebensgeschichte des Mathematikprofessors Cadoris bleibt immer eng verwoben mit Lukassers eigener Familiengeschichte, war Cadoris doch ein lebenslanger Gönner des Vaters des Chronisten,, Georg Lukasser, einem begnadeten Gitarristen, der es sich einst zur Aufgabe gemacht hatte, „den Jazz nach Wien zu holen“...
In Rückblenden umreißt der Roman die Geschichte des letzten Jahrhunderts, ein Unterfangen, das notwendigerweise eine Auswahl bedingt. In diesem Buch ist es ein Themenkatalog, der unterschiedlicher nicht sein könnte: Der Leser taucht ein in die Geschichte des Jazz, erfährt Erstaunliches über Mathematik ( Jazzfreunde und Mathematiker werden ihre Freude an diesem Buch haben), die Schauplätze wechseln zwischen Europa und Amerika. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts wird exemplarisch ausgebreitet in den persönlichen Verstrickungen der Protagonisten z.B. mit der deutschen Kolonialgeschichte, mit dem Bau der Atombombe, Russland unter Stalin, der RAF, um nur einige wenige Momente zu nennen. Interessant dabei fand ich, dass es einmal nicht vorrangig um die beiden Weltkriege geht, was man erwarten könnte bei dieser historischen Verankerung des Buches.Der Leser ermüdet nicht, weil die Geschichte der Familien Cadoris und Lukasser nicht linear erzählt wird, sondern immer wieder von der Gegenwart in dem Haus hoch über Innsbruck unterbrochen wird. Und so gesellt sich zur Vergangenheit immer wieder die Gegenwart, die von Leid und Sterben, aber auch neuen Aufbrüchen für den Chronisten erzählt. Im Wechsel der Geschichten, auch in der Spiegelung durch Lukasser selbst und wie er das eine oder andere Erinnerte aus seiner Perspektive als Kind und junger Erwachsener wahrgenommen hatte, macht dann noch einen zusätzlichen Reiz aus. Und so manchmal stellen Chronist und mit ihm der Leser fest: Oft ist nichts so, wie es uns einstmals erschien… Ein vielschichtiges Buch also, das niemals langweilig wird, weil wir in den Rückblenden vor allem Einblicke bekommen in die Brüche und überraschenden Wendungen eines so langen Lebens. Ich kann die Lektüre sehr empfehlen. 

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